PSYCHIATRIE IN SACHSEN - DAS JAHR 1990

Psychiatriebetroffeneninitiative Durchblick e.V.

Die Psychiatriebetroffeneninitiative Durchblick e.V. (zunächst Lichtblick e.V.) wurde am 18. April 1990 gegründet. Die Wurzeln des Vereins liegen in der Basisgruppe Psychiatrie-Betroffene des Neuen Forums, in dem von Rosi Haase initiierten Kunstzirkel im Bezirkskrankenhaus Leipzig-Dösen und der »Schizeria«, einer informellen Selbsthilfegruppe.
In einem Brief an die Vorstandsmitglieder schreibt die erste Vorsitzende des Verein, Giesela Riedel, mit Bezug auf die Mitgliederversammlung am 17. Mai 1990: »Die Zeit wird bestimmt ganz ausgefüllt sein, nochmals intensiv über die Zielsetzung der IG LICHTBLICK zu sprechen und zu diskutieren. Zum einen geht es um konkrete Möglichkeiten der Aufarbeitung der psychiatrischen Missstände in dem Staat, der nach 40 Jahren aufgehört hat zu existieren, dessen ›Nachwehen‹ aber gewisslich noch lange spürbar sein werden. Zum anderen wollen wir nicht an der Vergangenheit kleben bleiben, sondern konkret über unsere Gegenwart und Zukunft, insbesondere für Psychiatriebetroffene und deren Angehörige gemeinsam nachdenken. Die ›friedliche Wende‹, und die damit verbundene Aufbruchssituation, hat uns in unserer leidvollen deutschen Geschichte die einmalige Chance gegeben, um ein gutes Miteinander zu ringen und das Leben auch für Psychiatriebetroffene als einzelne und in Gemeinschaft wieder sinnvoll zu machen.« 

Zunächst fand die Vereinsarbeit im privaten Rahmen statt. Im September 1991 bezog der Verein sein erstes Domizil in einem Hinterhaus in der Gottschedstraße 15. In 1,5 Räumen mit Ofenheizung befanden sich die Geschäftsstelle und der Treffpunkt für die Vereinsmitglieder, wo gekocht, Kaffee getrunken, geraucht und Psychiatriepolitik gemacht wurde. Hier arbeitete auch die Integrationsfirma DurchblickDesign bis zu ihrem Umzug in die Hauptmannstraße, wo dann die Kunstgruppe des Vereins eigene Ausstellungsräume fand.
Neben der Hilfe zur Selbsthilfe brachte der Durchblick e.V. die Perspektive der Betroffenen in die Gremien und die Fachdiskussion in Leipzig und Sachsen ein.

Seit 1996 befinden sich die Angebote und Projekte des Vereins in einer Stadtvilla in der Mainzer Str. 7: Kontakt- und Beratungsstelle, künstlerische Werkstätten, Kunstgruppe und Galerie, Notwohnen und das Sächsische Psychiatriemuseum.

www.durchblick-ev.de
www.psychiatriemuseum.de

Durchblick e.V. (2020) IRRE ZEITEN – 30 Jahre mit Durchblick. Geschichte und Geschichten des Durchblick e.V. in 30 Kapiteln  


Peter Melcher, Wurzeln und Hirngespinste

Nun bald 20 Jahre ist sie her, die Wende, damals im heißen Herbst 1989! Wir trafen uns früher nur im privaten Kreis oder in Cafés, etwa dem Café »Größenwahn«, wo der Schizofürst Günter Renz Hof hielt. Oder auch im Zeichenzirkel von Rosi Haase in der Psychiatrie Dösen, später dann im Klubhaus Steinstraße. Das waren Anlaufpunkte für uns Betroffene, so ist auch unsere Affinität zur Bildenden Kunst zu erklären. Im Sommer 1989 fuhren wir, eine Gruppe kunstinteressierter Betroffener um Rosi Haase, zu einem Malwettbewerb nach Budapest (in eine Psychiatrie bei Szentendre). Da gab es auch viele schöne und prägende Erlebnisse. Als wir wieder zurückkehrten, ging die DDR immer mehr den Bach hinunter. Da betätigten auch wir uns als Totengräber und wurden Mitglieder des Neuen Forums, gründeten dort die thematische Basisgruppe der Psychatriebetroffenen. Rainer Hopf und ich waren ihre ersten Sprecher. Ich schaffte es (mit manischem Schwung) Zugang zum höchsten Gremium, dem Bezirkssprecherrat, zu erhalten. Dort gaben Petra Lux und Ilona Weber den Ton an. Ich war indessen manisch geworden im Trubel der Wendezeit und ging diesen Leuten des Neuen Forums derart auf den Keks, das ich hochkantig nach kurzer Zeit aus dem Bezirkssprecherrat geworfen wurde. Aber es ging auch so weiter. Rainer Hopf und Ingrid Machlit aus unserer Gruppe besetzten zusammen mit anderen Bürgerrechtlern die Stasi-Zentrale »Runde Ecke. Die Wende nahm ihren Verlauf und ich wurde von Prof. Weise erst mal zwangseingewiesen in die Uni-Klinik, zu guter Letzt jedoch als therapieunwillig entlassen, da ich mich weigerte, Psychopharmaka zu schlucken.

Der Durchblick e.V. wurde im Mai 1990 gegründet, damit auch potentielle CDU-Wähler und andere Rechtslastige Vereinsmitglieder werden können. In einem Uni-Hörsaal fanden regelmäßig Veranstaltungen zur Aufarbeitung des DDR-Psychiatrie-Unrechts statt, was jeweils großen Anklang erfuhr. Durch mein manisches Verhalten verdiente ich mir flächendeckend Hausverbote in fast allen Kneipen und Cafés der Messestadt. Gleichzeitig malte ich wie ein Besessener im manischen Schaffensrausch zum ersten Mal richtige große Ölbilder und entwickelte einen eigenen künstlerischen Stil, hatte meine erst große Ausstellung bei der Eröffnung des Boot e.V. in der Philipp Rosenthal-Straße, wo auch der Durchblick seine erste Heimstatt fand. Rosi Haase veranstaltete dort an den Wochenenden regelmäßig Kunstgruppen; sie war im Boot e.V. angestellt. Ich setzte mich für eine Kunst ohne Etikette ein, man versuchte nämlich, die Marke »Kunst von psychisch Kranken« zu etablieren. Mein Standpunkt war und ist, Kunst ist Kunst, entweder gute Kunst oder schlechte Kunst! Es hätte auch wenig Sinn, »Holzschnitte von Einbeinigen« oder »Kunst von Alkoholikern« (z.B. Likör-Aquarelle) zu etablieren, auf der Mitleidsschiene zu reisen, etwa »Süßliche Kunst von Diabetikern« oder mit dem Munde gemalte »Kunst von Zahnärzten« oder »Gekeuchte Kunst von Asthmatikern«. Das ist alles genauso abwegig wie die berühmte »Bildnerei der Geisteskranken« der Kunst »Psychisch Kranker«. Ich gewann Mitstreiter und wir kämpften gegen derlei Hirngespinste; schön schizoide Hirngespinste können aber auch Delikatessen sein, wie z. B. »Wurzel mit Logarithmus« oder »Linsen mit Spektrum«, der Leibspeise der Physiker, zu denen auch ich mich zählen darf.
Aus: Neues vom Durchblick, Nr. 5/August 2009) 


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