PSYCHIATRIE IN SACHSEN - DAS JAHR 1990

Einführung

Die Ausreisebewegung und die Anfang September einsetzenden Demonstrationen in Leipzig und in weiteren sächsischen Städten (Dresden, Plauen) leiteten die »Friedliche Revolution« in der DDR ein.
In der Zeit der sogenannten »Wende« standen alle gesellschaftlichen Bereiche und Institutionen auf dem Prüfstand. Mit der Deutschen Wiedervereinigung durch den Beitritt der DDR zur BRD auf der Grundlage des Einigungsvertrages wurde das bundesdeutsche Rechtssystem auf das Territorium der ehemaligen DDR überführt.

Auch in der Psychiatrie wurde der Umbruch eingeleitet. Das bisherige Tabuthema bekam eine große öffentliche Aufmerksamkeit und es offenbarten sich teilweise katastrophale Zustände in den psychiatrischen Einrichtungen. Patienten und Mitarbeiter forderten eine Demokratisierung und Reform der Psychiatrie.

Schlafsaal in Dösen

In Leipzig war im November 1989 eine Basisgruppe Psychiatrie-Betroffene am Neuen Forum gegründet worden, die »Glasnost auch in der Psychiatrie« forderte. Die Basisgruppe setzte sich vehement für die Rechte der Betroffenen ein und machte auf die Situation in der Nervenklinik Waldheim aufmerksam. Nach einer Artikelserie »Wo die Stasi foltern ließ« in der Illustrierten Stern wurde Waldheim zum Synonym für den vermeintlichen politischen Missbrauch der Psychiatrie. In der Folge beschäftigten sich die Medien und zahlreiche Untersuchungsausschüsse mit den vom Stern erhobenen Vorwürfen.

In einzelnen psychiatrischen Einrichtungen bildeten sich unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gruppen des Neuen Forums mit dem Ziel, die eigene Arbeitssituation und die Versorgung der Patienten zu verbessern.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Psychiatrie, Betroffene, Angehörige und Interessierte schlossen sich im Bereich der komplementären Psychiatrie zu Initiativen und Vereine zusammen, um selbstbestimmt die eigenen Ziele und Interessen in der Psychiatrie umzusetzen.
Einen ersten öffentlichen Auftritt hatten die in Leipzig neu gegründeten Initiativen am 18. August 1990 zum Tag der Leipziger Sozialpsychiatrie.

Auch die Interessenvertretungen und Fachgesellschaften in der Psychiatrie gründeten oder formierten sich neu.

Nach der Wiedervereinigung wurde die psychiatrische Versorgung eine Aufgabe des Landes Sachsen. Eine Grundlage für die Neuorganisation der Psychiatrie in Sachsen bildete die Bestandsaufnahme der Psychiatrie in den neuen Bundesländern. Bis das Land Sachsen die Grundsätze der Psychiatriepolitik im Ersten Sächsischen Psychiatrieplan (1993) formuliert hatte, bestanden für die damaligen Akteure große Handlungs- und Gestaltungsspielräume.  


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