PSYCHIATRIE IN SACHSEN - DAS JAHR 1990

Psychiatrie im Spiegel der Medien

Die Medien spielten bei der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Situation in der Psychiatrie in der DDR eine entscheidende Rolle. Nachdem die Psychiatrie bis 1989 nur sehr selten in den Medien und in der Literatur behandelt wurde, bekam das Thema seit Ende 1989 einen großen Raum in der Berichterstattung. Neben einer Skandalisierung, insbesondere in Bezug auf den vermeintlichen Missbrauch der Psychiatrie, 

gab es zahlreiche Berichte und Reportagen, Interviews mit Betroffenen und Mitarbeitern der Psychiatrie und eine rege Diskussion in den Medien.
Wie die Psychiatrie dargestellt wurde und welche Wirkungen dies hatte, soll im Folgenden an einigen Themenkomplexen mit dem Schwerpunkt auf in Leipzig erschienene Pressebeiträge dargestellt werden


Stiefkind Psychiatrie

Bevor sich die Medien insbesondere im Zusammenhang mit einer Artikelserie in der Zeitschrift Stern seit April 1990 auf die Frage des möglichen politischen Missbrauchs der Psychiatrie fokussierten, löste ein Brief vom 8. Dezember 1989 des Teams des Geschützen Wohnheims am Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Leipzig Dösen an die Vorschlagskommission beim Rat des Bezirkes Leipzig und Journalisten eine Berichterstattung über die Zustände in der Klinik aus. Artikel in der Lokalpresse (u.a. Die Union Leipzig, 14.12.; Die Union, 15.12.; LVZ, 15.12.; Sächsisches Tageblatt, 15.12.; Die Union, 19.12.; Neue Zeit, 5.1.1990)

schilderten über »qualvolle Enge, Bett an Bett wie in Notquartieren nach Katastrophen«, »Nässeschäden an der Außenwand« auf der Station A 6. »Auf der Station B 1 beispielsweise, eine geschlossene Abteilung, in der sich 40 Menschen, Frauen und Männer, in einem ungefähr 7 mal 7 Meter großen Raum aufhalten. Es ist der Tagesaufenthaltsraum, bestückt mit einem Mobiliar, das bestenfalls noch im Film- und Fernsehfundus vorhanden sein kann. Der 20-Mann-Schlafraum sieht nicht besser aus.« 


Psychische Erkrankungen

Dem Umgang mit psychischen Erkrankungen widmete sich der Artikel »Einfach verrückt« in der Leipziger Volkszeitung (11./12.8.1990), der von dem Journalisten Thomas Hartwig und Helmut Uhlig, selbst psychoseerfahren, gemeinsam verfasst wurde. Der ganzseitige Beitrag beschreibt psychische Erkrankungen aus der Perspektive Betroffener und die Reaktionen der Gesellschaft, die häufig von Ängsten und Unverständnis geprägt sind und zu Diskriminierung und Stigmatisierung führen. 


Ein Interview mit Klaus Weise, Direktor der Psychiatrischen Klinik in Leipzig (»Die Sonnenblumen malte kein Verrückter« LVZ 3./4.11.1990) beinhaltete u.a. Themen wie den Suizid, umstrittene Behandlungsmethoden wie EKT und Neuroleptika und das Verhältnis von Kreativität und psychischer Erkrankung. Der Artikel »Wir sind ein fideles Gefängnis« betonte die offene Atmosphäre auf den Stationen der Leipziger Universitätspsychiatrie. (LVZ 3./4.11.1990)


Tag der Leipziger Sozialpsychiatrie

Über den »Tag der Leipziger Sozialpsychiatrie« erschienen zahlreiche Artikel in den regionalen Medien (LVZ, DAZ, Wir in Leipzig), aber auch im Neuen Deutschland (ND). Die Beiträge hoben hervor, dass die Veranstaltung dazu diente, die missliche Situation der (Nicht-)-Diskussion der Betroffenen zu beenden (DAZ) und es gelungen sei, das Thema Psychiatrie in dieser Form erstmals in die Öffentlichkeit zu bringen (ND). 

Berichtet wurde über eine kontrovers geführte Podiumsdiskussion zur Situation der Psychiatrie in Leipzig und über die auf dem Leipziger Markt versammelten Vereine und Projekte, die die Besucher über ihre Arbeit informierten und sich beispielsweise für die Schaffung neuer Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten engagierten.   


Waldheim und der Vorwurf des politischen Missbrauchs der Psychiatrie

Am 20.11.1989 erschien in den Mittdeutschen Neuesten Nachrichten (MNN) der Bericht (Norbert Wehrstedt) über eine Veranstaltung im acedemixer-Keller in Leipzig, auf der die Malerin und Grafikerin Angelika Rochhausen ihre Zwangseinweisung Anfang der 70er Jahre aus politischen Gründen schilderte. Am ?? folgte ein Gespräch mit Rochhausen, in dem sie ihre Geschichte ausführlich schilderte.

Am 15. Januar 1990 informierte die Leipziger Volkszeitung (LVZ) unter der Überschrift »Glasnost auch in der Psychiatrie« über die Gründung und die Ziele der Basisgruppe Psychiatrie-Betroffene und kündigte ein Treffen der Gruppe am 18. Januar in einem Hörsaal der Universität Leipzig an.

Über diese »betroffenmachende Veranstaltung« berichtete die MNN »Wehrlos in der Mühle der Psychiatrie« (23. Januar 1990). Zu weiteren Beiträgen nahmen der Direktor der Uni-Psychiatrie Klaus Weise »Barriere der Intoleranz abbauen« (LVZ, 10./.11. Februar) und »›Mühlen der Psychiatrie‹ – eine notwendige Antwort« (MNN, 15.2.1990) und Vertreter anderen psychiatrischen Kliniken Stellung und wandten sich gegen eine pauschale Diffamierung der Psychiatrie.
Rainer Hopf als Vertreter der Basisgruppe gab dem Sächsischen Tageblatt am 14.2.1990 ein Interview »Aufbruch für Psychiatrie-Betroffene« und berichete in der Zeitschrift Leo (»Psychiatrie-Betroffene oder Der Umgang mit der Macht«, März 1990) über eigene Erfahrungen mit Zwangseinweisungen und die Behandlung »mit Neuroleptika in größeren Mengen«.

Die Zeitschrift Leo veröffentlichte in der Ausgabe April 1990 neben einer Gegendarstellung zu dem Hopf-Gespräch einen Bericht über einen Besuch in der geschlossenen psychiatrischen Klinik Waldheim und die dort herrschenden Missstände (Unterbringungsbedingungen, fehlendes Personal und Therapien).

Am 26. April 1990 brachte das Magazin Stern die Titelgeschichte »Wo die Stasi foltern ließ. Was hinter den Mauern der Nervenklinik Waldheim geschah«. In der dreiteiligen Reportage wurden schwere Vorwürfe gegen die Nervenklinik Waldheim und ihrer Direktor Dr. Wilhelm Poppe erhoben. In Waldheim habe es ein grausames Zusammenspiel zwischen Psychiatrie und Staatssicherheit gegeben. Patienten seien misshandelt und gefoltert worden, »unbequeme Staatsbürger« hinter den Mauern verschwunden.

Als Reaktion auf die Stern-Serie wurde von Gesundheitsminister Kleditzsch eine Sonderkommission eingesetzt und Dr. Poppe beurlaubt.
Im Juli 1990 legte die Kommission ihren Bericht vor. Als auch drei Wochen später die Ergebnisse der Kommissionsarbeit noch nicht öffentlich gemacht wurden, informierte die Psychiater Sonja Schröter, Mitglied der Waldheim-Kommission, „Die Leipziger Andere Zeitung“ (DAZ), die am 9. August 1990 „im Interesse einer schnellen Aufklärung der Angelegenheit … wesentliche Teile des bisher unter Verschluss gehaltenen Berichts“ veröffentlichte. Neben bereits bekannten Vorwürfen wurden dabei auch »Fälle von Hirnoperationen, Röntgenkastrationen und Sterilisationen« bekannt. 

Durch diese Veröffentlichung bekam lt. DAZ (16.8.1990) eine bereits länger geplante Pressekonferenz in Waldheim eine besondere Brisanz und setzte die anwesenden Vertreter des Gesundheitsministeriums (Dr. Strähnz) und der Bezirksstaatsanwaltschaft unter Erklärungsdruck. »Anwesend waren etwa hundert in- und ausländische Wort- und Bildjournalisten und fast das gesamte Klinikpersonal.« (DAZ, Nr. 29, S. 4) In einem Interview betonte Sonja Schröter: »Es ist meine feste Überzeugung und inzwischen auch meine Erfahrung, daß sich ohne den Druck einer gut informierten kritischen Öffentlichkeit solche Mißstände wir in Waldheim nur sehr schwer ändern… Ich halte die kritische Öffentlichkeit als vierte Gewalt im Staate für wichtig für unser Fach, damit die wahrheitsgemäße Information über alle Seiten der Psychiatrie zu einer gesellschaftlichen Hilfe für die positiv engagierten Psychiater und für die Patienten werden kann.« (DAZ, Nr. 29, S. 4)

Den Zwischenbericht des Parlamentarischen Sonderausschusses der Volkskammer, der nach der Sonderkommission eingesetzt worden war, und seinen Bericht am 28. September 1990 der Volkskammer vorgelegt hatte, dokumentierte die Frankfurt Rundschau am 18. Oktober 1990.
Am 23. Oktober 1990 nahm Dr. Poppe in der Rundschau in einem ausführlichen Interview »erstmalig in einer Zeitung in einem solchen Umfang zu den gegen ihn gerichteten Vorwürfen Stellung.« Darin stellte Poppe zu der Pressekampagne gegen sich fest: »Die Pressekampagne gegen mich ist unberechtigt… Ich weiß, dass die Presse nicht ausschließlich eine moralische Institution sein kann, Ich weiß auch, dass eine Presse, die ihre Bande über Nacht verliert, lernen muss, mit ihrer neuen Freiheit richtig umzugehen.«    


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